Quellentext der Bundeszentrale für politische Bildung:

Abschied vom Lagerdenken? 
 
Schwarz-Grün, Rot-Rot-Grün, Ampel, Jamaika - Deutschland wird bunter. Mindestens vier politische Konstellationen sind neuerdings möglich geworden. Seit die Linkspartei auch in den westlichen Bundesländern etabliert ist, muss man damit rechnen, dass Fünf-Parteien-Parlamente die Regel werden. [...] Ob die zaghaften Versuche der Parteien, allesamt aus strategischen Gründen geboren, sich über die Grenzen bisheriger politischer Lager hinweg zu verständigen, zur guten Praxis werden kann, darüber bestimmen nicht die Parteien selbst. Darüber bestimmt der Wähler. [...] Aber interessiert das die Wähler überhaupt? Wählen sie eine Konstellation, wählen sie so, dass eine Konstellation ausgeschlossen ist, oder wählen sie schlicht die Partei, die ihnen am meisten zusagt oder die sie schon immer gewählt haben? Die Tatsache, dass die Zahl der Wechselwähler zunimmt, lässt darauf schließen, dass Positionen und Inhalte wichtiger werden. Aber noch nie wussten Wähler so wenig wie heute, was mit ihrer Stimme passiert. Wer bislang Grüne wählte, wusste, er bekommt Rot-Grün, also einen SPD-Kanzler, oder die Opposition. Wer FDP wählte, bekam Schwarz-Gelb, also Angela Merkel, oder die Opposition. Wer die Linkspartei wählte im Bund oder im Westen, war immer in der Opposition. Erst die kommenden Wahlen werden zeigen, ob diese Art Freiheit, also eine Entscheidung mit offenem Ende, ein Wahlkampf ohne bindende Koalitionsaussagen, vom Wähler akzeptiert wird. Vor allem für die kleinen Parteien wird sich dann erweisen, ob ihre Offenheit als Beliebigkeit interpretiert wird oder als Freiheit, in verschiedenen Konstellationen möglichst großen Einfluss zu nehmen. Werden den Grünen die Wähler weglaufen, wenn Schwarz-Grün möglich ist? Wird die Linkspartei gewinnen oder verlieren, wenn man weiß, ihre Stimmen könnten Regierungsstimmen werden und nicht bloßer Protest? Werden die Liberalen Stimmen gewinnen, wenn ihre Chance zur Regierungsbeteiligung aufgrund von verschiedenen Optionen höher wird? Aber auch: Werden die konservativen Sozial-demokraten ihre Partei wählen, wenn klar ist, sie könnten sich in einer Regierung mit der Linkspartei wiederfinden? [...] Viel hängt davon ab, was die Wähler tun. Wie werden sie sich dann verhalten? Wählen sie Inhalte? [...] Die Parteien können einiges dafür tun. Zum Beispiel sich weniger mit strategischen als vielmehr mit inhaltlichen Fragen befassen. Denn eines ist klar: Im Fünf-Parteien-System ohne Lagerdenken ist jede Partei gefordert, ihr Profil zu zeigen. Und zwar so, dass der Wähler die Unterschiede erkennt. [...] "Die neue deutsche Farbenlehre", in: Die ZEIT Nr. 1 vom 3. April 2008